CHRIST - LEBENSORIENTIERUNG  + + +

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JESUS SAGT:

ICH BIN DER WEG, DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN. 

NIEMAND KOMMT ZUM VATER AUSSER DURCH MICH.

JOHANNESEVANGELIUM 14, 6

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GEBET

SAKRAMENTE

BIBEL

GEMEINSCHAFT 

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LEBEN IN DER GEGENWART GOTTES

CHRIST SEIN - CHRISTIN SEIN - IM AUGENBLICK DIE LIEBE LEBEN

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GOTT IST DIE LIEBE UND
WER IN DER LIEBE BLEIBT
DER BLEIBT IN GOTT

UND GOTT BLEIBT IN IHM.

1 Johannesbrief 4, 16

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16 Freuet euch zu jeder Zeit!

17 Betet ohne Unterlass!

18 Dank für alles; denn das will Gott von euch,

     die ihr Christus Jesus gehört.

19 Löscht den Geist nicht aus!

29 Verachtet Prohphetische Reden nicht!

21 Prüft alles und behaltet das Gute!

22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!

1 Thess. 5,16-22

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HEILIGE THERESA VON LISIEUX

Orden

Marienschwestern

Karmel - Regel

Teresianischer Karmel - Vorträge

Karmel - Vorträge

 

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Vezelay

Vezelay Film I

Der Weg des Lebens - Prälatengang Stift St. Florian

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Die wichtigste Stunde ist die gegenwärtige Stunde.

Der wichtigste Mensch ist der, welcher Dir gerade gegenübersteht.

Die wichtigste Tat ist die Liebe.

(frei zitiert nach MEISTER ECKART)

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Aus der Begegnung mit Gott im Gebet werden alle Veränderungen hervorgehen, die wir für unsere Gesellschaft und für uns selbst ersehnen. Denn nur der Kontakt mit dem Himmel wird unsere Erde heilen können. Welches auch immer unsere Berufung sein mag, der erste Ruf, den Jesus und der Heilige Geist an uns richten, ist der Ruf zum Gebet. Durch das Gebet wird uns das Antlitz des Vaters sowie unsere tiefste Identität offenbart. Dieses Buch, die Frucht einer tiefen geistlichen Reife, führt uns in einfacher Weise auf den Weg der Vertrautheit mit Gott und lässt uns das Wesentliche wiederfinden: die Freude am persönlichen Gebet und die konkreten Mittel, dieses treu zu verrichten. Diese «Schule des Gebetes» hilft uns, mit dem gegenwärtigen Gott in Kontakt zu kommen und uns von ihm innerlich umgestalten zu lassen, um wahrhaft zu lieben.

Jacques Philippe ist seit 1976 Mitglied der Gemeinschaft der Seligpreisungen in Frankreich. Dort war er für verschiedene Bereiche verantwortlich. Seit 1985 ist er Priester. Er hat mehrere Bücher über Spiritualität geschrieben und hält Exerzitien in Frankreich und im Ausland.

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„Ich will das Evangelium durch das Leben ausrufen“, wiederholte Charles de Foucauld oft. Er war überzeugt, dass die wirksamste Methode des Apostolats diese ist: als Christ leben. 

(zitiert aus „Wo der Dornbusch brennt“ von Carlo Carretto )

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Der sichere Weg in den Himmel

"Tretet ein durch die enge Pforte! Denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der ins Verderben führt

und gar viele gehen ihn. Eng dagegen ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und nur

wenige gehen ihn" - Matt. 7, 12

Halte eine bestimmte Stunden zum aufstehen fest und erhebe dich schnell aus Liebe zu Gott; denn dieses 

Opfer ist ihm überaus angenehm. Deine erste Handlung sei das heilige Kreuzzeichen. Weihe mit wenigen 

Worten den neuen Tag deinem himmlischen Vater.

Kannst du es möglich machen, so wohne täglich einer Heiligen Messe bei und beraube dich nicht freiwillig 

eines so unterschätzbaren Glückes.

Vergiss nicht das Tischgebet; schäme dich nirgens dieser frommen Übung.

Bete täglich den Rosenkranz. Wenn es dir nicht gelingen wollte, bete wenigsten einen Teil davon. 

Vom Rosenkranz geht eine geheimnisvolle Kraft aus.

Beschließe den Tag mit einem Abendgebet und einer kurzen Gewissenserforschung.

Gehe zu einer bestimmten Stunde zu Bett. Lege dich aber nie zur Ruhe ohne davor aus Liebe zu Gott

alle Sünden des vergangenen Tages bereut zu haben, denn du weißt nicht, ob dir der Herr noch einen 

Morgen auf dieser Erde schenken wird.

Bemühe dich monatlich, wenigsten aber zu den großen Feiertagen (Ostern, Pfingsten, Maria Himmelfahrt, Allerheiligen,

Weihnachten) zur heiligen Beichte zu gehen.

"Und alle, welche dieser Regel folgen: Friede über sie und Barmherzigkeit!" Galater. 6, 16

(Quelle - Oremus - Katholische Gebetsbuch) 

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Kommentar zum heutigen Evangelium 
Hl. Basilius (um 330-379), Mönch und Bischof von Caesarea in Kappadozien, Kirchenlehrer 
5. Homilie

Jesus sagte: Betet ohne Unterlaß

Du darfst dein Gebet nicht nur auf eine in Worten ausgedrückte Bitte beschränken. Denn Gott hat es nicht nötig, dass man vor ihm Reden schwingt. Er weiß, was wir brauchen, selbst wenn wir um nichts bitten. Was haben wir also zu sagen? Das Gebet besteht nicht aus Phrasen. Es umschließt das ganze Leben. „Ob ihr also esst oder trinkt“, sagt der Apostel Paulus, „oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes!“ (1 Kor 10,31). Bist du bei Tisch? Dann bete, wenn du dein Brot nimmst und danke dem, der es dir gibt; wenn du deinen Wein trinkst, dann erinnere dich an den, der ihn dir zum Geschenk gemacht hat, um dein Herz zu erfreuen und dein Elend zu lindern. Wenn du das Mahl beendet hast, so denke an deinen Wohltäter. Wenn du dein Gewand nimmst, danke dem, der es dir gab. Wenn du deinen Mantel anziehst, zeige deine zärtliche Anhänglichkeit an Gott, der uns mit Kleidern ausstattet, die dem Winter oder dem Sommer entsprechen, um unser Leben zu beschützen. 

Am Ende des Tages danke ihm, der dir die Sonne geschenkt hat bei der Tagesarbeit und das Feuer, um die Nacht zu erhellen und unseren Bedürfnissen nachzugehen. Die Nacht liefert dir genug Gründe, dankbar zu sein: Wenn du den Himmel betrachtest und über die Schönheit der Sterne meditierst, dann bete zum Herrn des Alls, der all diese Dinge gemacht hat mit so viel Weisheit. Wenn du die ganze Natur schlafend findest, bete den an, der uns durch den Schlaf unsere Müdigkeit erleichtert und uns durch ein wenig Ruhe die Körperkräfte zurückschenkt. 

So wirst du ohne Unterlass beten, wenn dein Gebet sich nicht auf Phrasen beschränkt, sondern wenn du vielmehr bestrebt bist, solange du lebst mit Gott vereint zu sein und dadurch aus deinem Leben ein ununterbrochenes Gebet machst. 

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Peter Knauer SJ - Christsein in Ignatianischer Spiritualität

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Kann man mit Gott reden ? - Wilhelm Busch

Diese Predigt von Pfarrer Wilhelm Busch stammt aus dem Jahr 1958 und wurde in Neuffen gepredigt. Sie zeigt die Wichtigkeit des persönlichen Gebets eines Gläubigen zu Gott.

Aufgrund der heutzutage weitverbreiteten Oberflächlichkeit des Christentums sollte die Botschaft dieser eindrücklichen Predigt ernst genommen werden!

Was ist der Sinn des Lebens ? - Wilhelm Busch
Diese Predigt aus dem Jahr 1964 von Pastor Wilhelm Busch greift die wohl wichtigste Frage eines Menschen überhaupt auf! Es geht um den Sinn des Lebens und der Grund warum wir am Leben sind.

Wilhelm Busch zeigt hier nicht nur auf, dass man den Sinn seines Lebens tatsächlich wissen kann, sondern wie man auch ein entsprechendes Leben bekommt und ein Kind Gottes wird.



www.reformierte-christen.de
Pastor Wilhelm Busch - Hat Beten Zweck?

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Die Lehre über den Heiligen Geist

Buch der Weisheit 9,13-19. 

Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen, oder wer begreift, was der Herr will?
Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen und hinfällig unsere Gedanken;
denn der vergängliche Leib beschwert die Seele, und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Geist.
Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt; wer kann dann ergründen, was im Himmel ist?
Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?
So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht, und die Menschen lernten, was dir gefällt;
durch die Weisheit wurden sie gerettet.


Psalm 90(89),3-4.5-6.12-13.14.17. 
Du lässt die Menschen zurückkehren zum Staub 
und sprichst: „Kommt wieder, ihr Menschen!“
Denn tausend Jahre sind für dich, 
wie der Tag, der gestern vergangen ist, 
wie eine Wache in der Nacht.

Von Jahr zu Jahr säst du die Menschen aus; 
sie gleichen dem sprossenden Gras.
Am Morgen grünt es und blüht, 
am Abend wird es geschnitten und welkt.

Unsere Tage zu zählen, lehre uns! 
Dann gewinnen wir ein weises Herz.
Herr, wende dich uns doch endlich zu! 
Hab Mitleid mit deinen Knechten!

Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! 
Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.
Es komme über uns die Güte des Herrn, unsres Gottes. 
Lass das Werk unsrer Hände gedeihen, 
ja, lass gedeihen das Werk unsrer Hände!

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Wichtigkeit des Glaubens

"Er ist ein gewaltiges Meer. Wenn du ihn erforschen willst, verschlägt dich die Wucht seiner Wogen. Eine einzige Woge (schon) kann dich fortreissen und an eine Klippe schleudern. Es genügt für dich, Ohnmächtiger, dass du in einem Schiff Handel treibst.

Der Glaube ist für dich noch besser als das Schiff auf dem Meer. (Denn) das Schiff wird zwar durch die Ruder (dem Meer) entrissen, aber die Fluten (können) es zum Sinken bringen. Dein Glaube versinkt nicht, wenn dein Wille (es) nicht will.

Wer gäbe (dies) dem Schiffer, dass das Meer sich seinem Willen fügte! Ein andres denkt der Schiffer, ein andres tut das Meer. Unser Herr allein war es, der das Meer schalt, und es verstummte und schwieg. Auch dir gab er (die Macht), dass du wie er das Meer schelten und zum Schweigen bringen (kannst). Gewaltiger als das Meer ist der Disput, und der Streit (gewaltiger) als die Fluten. Es tobt, das Forschen in deinem Geist. Schilt und bring zum Schweigen seine Fluten! Der Sturm peitschte das Meer auf. Das Forschen peitscht den Geist auf. Unser Herr schalt, es brach sich der Wind, und das Schiff eilte ruhig dahin. Schilt und hemme das Forschen, damit dein Glaube sich beruhige!

Die Geschöpfe mögen dich überzeugen, deren Nutzen du kennst. Obwohl du vor der Quelle versagst, verschmähst du nicht ihren Trank. Und nicht wähnst du, weil du von ihr getrunken hast, du hättest sie auch umfasst. Auch vor der Sonne versagst du, ohne dass du (deswegen) ihres Lichtes beraubt wärest. Und nicht willst du, weil sie zu dir herabstieg, zu ihrer Höhe emporsteigen. Obwohl die Luft zu ausgedehnt ist für dich, spendet dir doch ein kleiner Hauch (davon) das Leben. Und obwohl ihr Unterpfand bei dir ist, erkennst du nicht, wie gross ihr Mass ist. Du nimmst von den Geschöpfen (nur) den kleinen, (dir) dienlichen Nutzen. Und du lässt in ihren Schätzen zurück einen unbegrenzt grossen (Nutzen). Den kleinen verschmähst du nicht, und mit dem grossen misst du dich nicht. Siehe (so) belehren dich die Geschöpfe des Schöpfers über den Schöpfer, dass du kühn um seine Hilfe bitten, von seiner Erforschung aber dich entfernen sollst.

Empfange das Leben von der (göttlichen) Majestät, und lass ab von der Erforschung der Majestät! Liebe die Gute des Vaters, doch untersuche nicht seine Wesenheit!

Verlange und liebe die Seligpreisung des Sohnes, doch untersuche nicht seine (ewige) Geburt! Sehne dich nach dem Herabschweben des Heiligen Geistes, doch nahe dich nicht seiner Erforschung! Vater, Sohn und Heiliger Geist, in ihren Namen werden sie erfasst. Grüble nicht über ihre Inhalte, überdenke ihre Namen!

Willst du den Inhalt erforschen, gehst du verloren; glaubst du aber an den Namen, wirst du gerettet. Der Name des Vaters sei dir Grenze; wolle nicht, sie überschreitend, seine Natur erforschen! Der Name des Sohnes sei dir Mauer; wolle nicht, sie übersteigend, seine Zeugung erforschen! Der Name des Geistes sei dir Umzäunung; tritt nicht ein in seine Untersuchung! Die Namen seien dir die Grenzen; mit den Namen bring die Fragen zum Schweigen! Du hast die Namen und die Wirklichkeit gehört. Wende dich den Geboten zu! Du hast die Gesetze und Gebote vernommen. Wende dich der Lebensführung zu! Du hast nun deine Lebensführung vollkommen gemacht. Wende dich den Verheissungen zu! Gib nicht das Gebotne auf, um dich mit dem, was nicht (vor) geschrieben ist, abzumühen! Gesehrieben steht die Wahrheit in kurzen (Worten). Mach nicht endlos die Untersuchung! Rette dich ins Schweigen, Ohnmächtiger!"

H. Ephrem von SyrienRede über den Glauben IV.

 

Gebet:

Oh Gott, du erleuchtest uns durch die poetischen Worte deines Dieners Ephraim. Hilf uns, dich in unserem täglichen als einen Gott in drei Personen anzubeten, damit wir glauben, was du uns zu unserem Heil offenbart hast, und es zu unserer geistlichen Speise machen. Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

 

hrsg. von der Päpstlichen Universität "Regina Apostolorum" 

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Tatjana Goritschewa - Von Gott zu reden ist gefährlich

Tatjana Goritschewa wurde 1947 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren. Sie studierte Philosophie und Radiotechnik. Ihre ganze Jugend war geprägt von der Erziehung des atheistischen Kommunismus. Trotzdem verließ Tatjana mit 26 Jahren die staatlich verordnete Weltanschauung. Sie wurde Christin. "Wenn ich gefragt werde", sagt Goritschewa, "was mir die Hinkehr zu Gott bedeutet, was mir durch diese Bekehrung erschlossen wurde und wie sich mein Leben verändert hat, kann ich ganz einfach und kurz darauf antworten: alles. Alles hat sich in mir und um mich verändert. Um es noch genauer zu sagen: Erst als ich Gott gefunden hatte, fing mein Leben an." Goritschewa gründete die erste Frauenbewegung in der Sowjetunion, organisierte religiöse Seminare und veröffentlichte zwei Zeitschriften im Untergrund. Nach vielen Verhören und Verhaftungen wurde sie 1980 ausgewiesen. Wenige Jahre später, 1984, schrieb sie die Geschichte ihrer Bekehrung unter dem Titel "Von Gott zu reden ist gefährlich" nieder. 
Tatjana Goritschewa lebt heute in Paris. 

Von nirgendwo nach nirgendwo 

Für jemand, der im Westen aufgewachsen ist, ist das nicht leicht zu verstehen. Er ist in einer Welt geboren, in der es Traditionen und Normen gibt - auch wenn sie nicht mehr ganz stabil sind. Er konnte sich "normal" entwickeln, jene Bücher lesen, die er lesen wollte, sich seine Freunde aussuchen und Karriere machen. Er konnte in jedes Land reisen. Oder aber sich aus der Welt zurückzie hen, entweder in die Familie, um sie liebevoll zu umsorgen, oder in ein Kloster oder in die Wissenschaft - wohin immer man auch wohlte~ Ich hingegen bin in einem Land geboren, in dem die traditionellen Werte der Kultur, Religion und Moral bewußt und erfolgreich ausgerottet wurden; ich kam und ging von nirgendwo nach nirgendwo: ich hatte keine Wurzeln und sollte in eine leere, sinnlose Zukunft gehen. 

Ich haßte alles und liebte die Einsamkeit 

In meiner Kindheit hatte ich eine Freundin, die sich mit 15 Jahren das Leben nahm, weil sie all das, was sie umgab, nicht mehr ertragen konnte. Sie starb und hinterließ die Notiz: "Ich bin ein sehr schlechter Mensch" - und war doch ein Mensch ungewöhnlich reinen Herzens, der keine Lüge ertragen und auch selbst nicht lügen konnte. Dieser junge Mensch ließ das Leben, weil er spürte, daß er nicht so lebte, wie er es sollte, und daß man irgendwann einmal die Leere, die einen umgibt, durchstoßen und Licht finden muß. Den Weg dazu jedoch fand sie nicht... Heute, 20 Jahre nach ihrem Tod, kann ich es als Christ so ausdrücken: Sie hat ihre Sündhaftigkeit entdeckt. Sie entdeckte eine fundamentale Wahrheit, nämlich daß der Mensch schwach und unvollkommen ist; aber die andere Wahrheit, die noch wichtiger ist, fand sie nicht: Gott kann den Menschen retten, ihn aus seinem Gefallensein herausheben und aus dem undurchdringlichsten Dunkel herausreißen. Von dieser Hoffnung hatte ihr niemand etwas gesagt, und sie starb, von der Verzweiflung erdrückt.
Ich selbst stand meiner geistig so begabten Freundin bei weitem nach. Ich lebte wie eine gehetzte und böse kleine Bestie, ohne jemals aufrecht zu stehen und den Kopf zu heben, ohne den Versuch zu machen, etwas zu begreifen oder zu entscheiden. In Schulaufsätzen schrieb ich, wie sich das so gehört, daß ich die Heimat liebe, und Lenin, und meine Mutter - aber das war eine glatte Lüge. Von Kindheit an haßte ich alles, was mich umgab: ich haßte die Menschen mit ihren kleinhichen Sorgen und Ängsten, ja sie ekelten mich an; ich haßte meine Eltern, die sich in nichts von allen anderen unterschieden und die eben zufällig meine Eltern geworden waren. Oh, ich wurde rasend vor Wut, wenn ich daran dachte, daß man mich ohne meinen Wunsch und vollkommen absurd in die Welt gesetzt hatte. Ich haßte sogar die Natur mit ihrem ewig wiederkehrenden und langweiligen Rhythmus: Sommer, Herbst, Winter Das einzige, was ich liebte, war völlige Einsamkeit. Später dann, als ich lesen gelernt hatte, schirmte ich mich durch Bücher wie mit einem undurchdringlichen Vorhang von der Welt ab... Nur in Büchern lebt man nicht in der Angst, benachteiligt, betrogen oder bestohlen zu werden, nur in Büchern lebt man nicht dauernd mit der Lüge... 

Die Verachtung, die in meinem Inneren lebte, hinderte mich indessen nicht daran, äußerlich ein folgsames und stilles Kind zu sein, das stets durch besondere Leistungen hervorstach, das die Lehrer lobten und die Kameraden gern hatten. Natürlich wurde mir nicht bewußt, wie inkonsequent mein Verhalten war; mein Bewußtsein und mein Gewissen schwiegen.

Niemand hatte mir gesagt, daß es das Höchste ist zu lieben

Und in der Schule wurden ja auch nur äußerliche, "kämpferische" Eigenschaften gefördert. Da wird der gelobt, der eine Aufgabe besser lösen und höher springen kann, der sich durch etwas "auszeichnet". 

Dadurch wurde dann auch mein Stolz noch mehr gefestigt und zur vollen Blüte gebracht. Klüger zu sein als die anderen, fähiger, stärker - das war mein Ziel. Nie jedoch hatte mir jemand gesagt, daß das Höchste im Leben nicht darin Iiegt, die anderen einzuholen und zu besiegen, sondern zu lieben. Zu lieben bis in den Tod, so wie der Eine, der Menschensohn, den wir damals noch nicht kannten.

Es ist bekannt, wie viele Anhänger Nietzsches aus meiner Generation hervorgingen. Nietzsche las ich mit 19 Jahren (das Evangelium allerdings erst mit 26), und er gefiel mir auf Anhieb sehr gut - so wie auch Sartre, Camus, Heidegger, jene existentielle, rebellische und uns so nahestehende Philosophie. Sie waren damals in den Jahren der Liberalisierung unter Chruschtschow teilweise erlaubt. Für uns war der Existentialismus der erste Schluck Freiheit, das erste offene Wort, das nicht verboten war.

Es ist interessant, daß sich unsere Wege (des Westens und des Ostens) dann allerdings bald trennten. Die westliche Jugend hat die Ereignisse von 1968 erlebt, den Weg einer immer stärker werdenden "Politisierung" des Bewußtseins beschritten und sich für den Marxismus begeistert. Wir hingegen sind in die Tiefe gegangen und haben die unvergänglichen Werte der Kultur, Geschichte und Ethik erschlossen. Zuletzt haben wir uns Gott und der Kirche zugewandt... So begann denn unsere Befreiung mit der Entdeckung des westlichen freien Denkens. 

Interessanterweise haben wir, nachdem wir mit der weiten und wundervollen Gedankenwelt des Christentums in Berührung kamen, den gottlosen Sartre und den hochmütigen Camus nicht "verteufelt". Bei all seiner Antireligiosität konnte uns Sartre doch an die Grenze der Verzweiflung führen, an der der Glaube beginnt. Sein zentraler Gedanke, daß nämlich der Mensch in jeder Sekunde eine freie Wahl trifft, ist ja tatsächlich ein christlicher Gedanke. Denn Gott möchte die freiwillige Liebe des Menschen; und aus Achtung vor unserer freien Willensentscheidung vernichtet Er auch das Böse in der Welt noch nicht. 

Aber greifen wir nicht vor...

Für mich als konsequente und zornige Existentialistin gab es das Christentum lange Zeit überhaupt nicht. Wozu auch zu den alten Mythen zurückkehren? Doch in meinem Leben verstärkte sich die Tendenz zu immer größerer Selbstüberhebung und -zerstörung. In Anlehnung an Nietzsche hielt ich mich für einen geistigen Aristokraten, d.h. für einen "starken" Menschen, fähig, allein durch freien Willensentschluß mein Leben zu lenken und zu gestalten. Gewöhnliche, "schwache" Leute können dieser Herausforderung durch das "Nichts" nicht standhalten, und sie flüchten vor der Sinnlosigkeit des Seins; der eine in die Familie, der andere in die Politik oder in seine Karriere. Oh, wie haßte ich sie alle, wie gut verstand ich es, die Menschen zu "knechten", um dann gleich darauf hämisch festzustellen, daß sie alle, Männer wie Frauen, die Knechtschaft lieben, ja sie sogar suchen.

Ich hörte auf zu belügen

Damals strebte ich schon ein "ganzheitliches", konsequentes Leben an. Ich fühlte mich als Philosoph und hörte auf, mich selbst und andere zu belügen. Die bittere, schreckliche, traurige Wahrheit stand für mich höher als alles andere. Dennoch war meine Existenz nach wie vor zerrissen und widersprüchlich. Ich hatte stets Gefallen am Kontrast und Absurden, an den Unwägbarkeiten des Lebens. Auch der Ästhetizismus regte sich in mir. Ich genoß es z.B. sehr, daß ich tagsüber eine "glänzende" Studentin und der Stolz der Philosophischen Fakultät war, Umgang mit subtilen Intellektuellen pflegte, auf wissenschaftlichen Konferenzen am Rednerpult stand, ironische Bemerkungen machte und mich in geistiger Hinsicht nur mit dem Besten zufriedengab. Abends und nachts aber hielt ich mich in der Gesellschaft von Außenseitern und Leuten aus den untersten Schichten auf - Dieben, Geisteskranken und Süchtigen. Diese schmutzige Atmosphäre machte mir Spaß. Wir betranken uns in Kellern und auf Dachböden. Manchmal brachen wir eine Wohnung auf, nur um reinzugehen, eine Tasse Kaffee zu trinken und wieder zu verschwinden.

Lediglich ein Mensch machte einmal den Versuch, mir Einhalt zu gebieten. Ich darf ihn zu Recht als meinen ersten Lehrer bezeichnen. Es war unser Professor Boris Michajlowitsch Paramonow. Er war nur zufällig Lehrer an der Philosophischen Fakultät und konnte sich auch nicht lange halten. Jetzt ist er Emigrant und lebt in Amerika. Einmal sagte er zu mir: "Tanja, warum versuchen Sie denn, alles zu zerstören? Begreifen Sie denn nicht, daß diese Zerstörungslust schon immer das Elend des russischen Denkens war? Sie sehen, daß wir in einer Welt leben, in der der Nihilismus schon voll gewiegt hat. Sie brauchen ja nur einmal auf den sowjetischen Markt zu gehen, und Sie finden nur leere Ladentische. Es gibt nichts, was es auf dem Markt geben sollte. Dafür aber ringsherum rote Spruchbänder, auf denen steht: ‚Vorwärts zum Sieg des Kommunismus', ‚Ein Schritt nach vorn und zwei zurück - Lenin' usw. Da haben Sie doch Ihre so heißgeliebte Absurdität. Sie ist von den Bolschewiken doch schon geschaffen worden. In Vollendung. Was wollen Sie dem denn noch hinzufügen?"

Diese Worte machten damals einen tiefen Eindruck auf mich. Aber weder Paramonow noch ich wußten damals, wie man aus diesem Teufelskreis herauskommen und Leben schaffen sollte, anstatt es zu zerstören.

Einen Ausweg fand ich auch nicht in meiner Begeisterung für östliche Philosophien, im Yoga, mit dem ich mich nach dem Studium befaßte. Yoga machte mir nur die Welt des Absoluten zugänglich, ließ mein geistiges Auge eine neue vertikale Dimension des Seins wahrnehmen und zerstörte meinen intellektuellen Hochmut. Aber Yoga konnte mich nicht von mir selbst befreien. Ich lebte nun nicht mehr von meinem Wissen, der Kultur oder bewußter Reflexion, denn ich wußte, daß im Menschen unergründliche und ungeahnte Kräfte verborgen liegen. Ich lernte, mit den in mir entdeckten "Energien" ein wenig umzugehen. Yoga lehrt einen bequemen "Energetismus", d.h. Materialismus, und es hat nichts "Märchenhaftes". Deshalb wurde es für uns Ungläubige so etwas wie eine kleine Brücke zwischen der empirischen und der transzendenten Welt. Außerdem hatte es eine auf uns sehr anziehend wirkende Wissenschaftlichkeit: mit Hilfe von Übungen und dem Wissen um "Astral- und Mentalkräfte" konnte man ganz gezielt und bewußt zum Übermenschen werden.

Aber wozu und- warum? Diese Frage beantwortete jeder so, wie es ihm am liebsten war. Ich wollte natürlich so werden wie ein Gott. Ich wünschte mir all das, was ich auch früher wollte, nur eben auf einer höheren, geistigen Ebene. Ich wollte die Klügste und Stärkste sein. Hinzu kamen noch religiös gefärbte Gemütszustände.
Ich wünschte mir, mit dem Absoluten zu verschmelzen und in die ewige Seligkeit einzutauchen. Nun hatte ich gegen negative Empfindungen wie Haß oder Reizbarkeit anzukämpfen, denn ich wußte ja, daß sie "Energie kosten" und mich auf eine niedrigere Ebene des Seins zurückwerfen. Die Leere jedoch, die schon lange mein Los war und die mich ständig umgab, war nicht überwunden. Ja sie wurde noch größer, wurde mystisch, unheimlich, bis zum Wahnsinn beängstigend.

Mich überkam eine Schwermut ohne Grenzen. Es quälten mich unbegreifliche, kalte, ausweglose Ängste. Mir war, als würde ich wahnsinnig. Leben wollte ich schon gar nicht mehr. 
Wie viele meiner ehemaligen Freunde sind Opfer dieser schrecklichen Leere geworden und haben sich selbst umgebracht; wie viele sind zu Säufern geworden; wie viele sitzen in Irrenanstalten! Wir hatten, so schien es, keine Hoffnung auf Leben.

Meine zweite Geburt

Aber der Wind, das ist der Heilige Geist, "weht, wo er will". Er spendet Leben und weckt die Toten auf. Was dann mit mir geschah? Ich wurde von neuem geboren. Ja, es war eine zweite, meine eigentliche Geburt. Aber alles der Reihe nach. 

Müde und lustlos verrichtete ich meine Yogaübungen mit den Mantren. Man muß wissen, daß ich bis zu diesem Augenblick noch nie ein Gebet gesprochen hatte und auch kein einziges Gebet kannte. Aber da wurde in einem Yogabuch ein christliches Gebet, und zwar das "Vaterunser", als Übung vorgeschlagen. Ausgerechnet das Gebet, das unser Herr selbst betete! Ich begann, es als Mantra vor mich hinzusagen, ausdruckslos und automatisch. Ich sprach es so etwa sechsmal, und dann wurde ich plötzlich vollständig umgekrempelt. Ich begriff - nicht etwa mit meinem lächerlichen Verstand, sondern mit meinem ganzen Wesen -‚ daß Er existiert. Er, der lebendige, persönliche Gott, der mich und alle Kreatur liebt, der die Welt geschaffen hat, der aus Liebe Mensch wurde, der gekreuzigte und auferstandene Gott! 

In jenem Augenblick be- und ergriff ich das "Geheimnis" des Christentums, das neue, wahre Leben. Das war die wirkliche, die echte Rettung! In diesem Augenblick veränderte sich alles in mir. Der alte Mensch starb. Ich gab nicht nur meine früheren Wertvorstellungen und Ideale auf, sondern auch alte Gewohnheiten. 

Schließlich wurde auch mein Herz aufgetan. Ich fing an, die Menschen liebzuhaben. Ich konnte ihr Leiden verstehen und auch ihre hohe Bestimmung, ihre Gottebenbildlichkeit. Gleich nach meiner Bekehrung kamen mir alle Leute einfach wie wunderbare Himmelsbewohner vor, und ich konnte es gar nicht erwarten, Gutes zu tun und den Menschen und Gott zu dienen. Welche Freude und welch helles Licht war da in meinem Herzen! Aber nicht nur in meinem Inneren, nein, die ganze Welt, jeder Stein, jede Staude waren von einem sanften Leuchten überzogen. Die Welt wurde für mich zum königlichen, hohepriesterlichen Gewand des Herrn. Wie hatte ich das früher nur übersehen können?! 

So begann mein Leben. Meine Rettung war ganz konkret und real; sie kam überraschend und war doch lang ersehnt, und nur der Heilige Geist konnte sie in mir vollbringen, weil nur Er eine "neue Kreatur" zu schaffen vermag und sie mit dem Ewigen versöhnen kann. Nur allein durch Ihn und Seine Gnade kann der zentrale Konflikt der menschlichen Persönlichkeit, der Konflikt zwischen Freiheit und Gehorsam, gelöst werden. 

Von Gott zu reden ist gefährlich. Meine Erfahrungen im Osten und im Westen
Tatjana Goritschewa, Herder, 1984.

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PARIS , 07 October, 2016 / 8:59 AM (CNA Deutsch).- 

Großes Aufsehen hat Kardinal Robert Sarah mit seinem neuen Interview erregt, in dem der bekannte Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung warnt: "Wir laufen Gefahr, die heiligen Geheimnisse auf gute Gefühle zu reduzieren". CNA veröffentlicht nun eine deutsche Übersetzung des vollständigen Interviews mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und "La Nef". 

Das französische Original dieses Gesprächs erschien in La Nef N°285, Oktober 2016.

Nach dem Erfolg von "Gott oder Nichts" [deutsche Version: fe-Medienverlag, 2015] veröffentlicht Kardinal Sarah Anfang Oktober ein neues Buch mit Nicolas Diat. Ein wunderbares Buch von erstaunlicher spiritueller Tiefe, das uns eintreten läßt in das Herz des Geheimnisses Gottes: die Stille, die notwendig ist für jede Begegnung mit dem Herrn sowohl im inneren Leben als auch in der Liturgie. Das Buch ist eine Begegnung mit einem Menschen, in dem die Gegenwart Gottes spürbar ist.

Das Buch, das Sie den Lesern vorlegen, ist eine echte geistliche Betrachtung über die Stille.  Warum haben Sie sich auf eine so tiefe Reflexion eingelassen, die man normalerweise von einem Präfekten der Gottesdienstkongregation nicht erwarten würde, der für sehr konkrete Angelegenheiten in der Kirche zuständig ist, nicht erwarten würde?

"Die erste Sprache Gottes ist die Stille". Indem er diese reiche und tiefe Intuition des hl. Johannes vom Kreuz kommentiert, schreibt Thomas Keating in seinem Werk "Invitation to love": "Alles andere ist eine armselige Übersetzung, wir müssen lernen still zu sein und uns bei Gott auszuruhen".

Es ist Zeit, die wahre Ordnung der Prioritäten wiederzufinden. Es ist Zeit, Gott wieder in die Mitte unserer Sorgen und Beschäftigungen, in die Mitte unseres Handelns und unseres Lebens zu stellen, an die einzige Stelle, die Ihm gebührt. So wird unser christlicher Lebensweg seinen Schwerpunkt in diesem Felsen finden, im Licht des Glaubens seine Struktur finden und sich im Gebet ernähren, das ein Moment der stillen und intimen Begegnung ist, wo der Mensch sich im Angesicht Gottes aufhält, um Ihn anzubeten und Ihm seine kindliche Liebe auszudrücken.

Täuschen wir uns nicht. Die wahre Dringlichkeit besteht darin, den Sinn für Gott wiederzufinden. Dem Vater können wir aber nur in der Stille nahekommen. Das, was die Kirche heute braucht, ist nicht eine Verwaltungsreform, ein weiteres Pastoralprogramm, eine strukturelle Veränderung. Das Programm existiert schon: es ist das Programm aller Zeiten, entnommen aus dem Evangelium und der lebendigen Tradition. Es hat seine Mitte in Jesus Christus selbst, den wir kennen, lieben, nachahmen müssen, um in Ihm und durch Ihn zu leben, um unsere Welt zu verwandeln, diese Welt, die lebt, als ob Gott nicht existierte. Als Priester, als Hirte, als Präfekt, als Kardinal ist es meine größtes Anliegen zu sagen, daß Gott allein das Herz des Menschen erfüllen kann.

Ich glaube, daß wir Opfer der durch die Mediengesellschaft verbreiteten Oberflächlichkeit, des Egoismus und des verweltlichten Geistes sind. Wir verlieren uns in Kämpfen um Einfluß, in Konflikten zwischen Personen, in einem narzißtischen und hohlen Aktivismus. Wir blasen uns auf vor Stolz und Ehrgeiz und sind gefangen im Willen zur Macht. Für Titel, berufliche oder kirchliche Ernennungen nehmen wir feige Kompromisse in Kauf. Aber all das verschwindet wie Rauch. Mit meinem neuen Buch möchte ich die Christen und die Menschen guten Willens einladen, in die Stille einzutreten. Ohne sie befinden wir uns in der Scheinwirklichkeit. Die einzige Wirklichkeit, die unsere Aufmerksamkeit verdient, ist Gott selbst, und Gott ist still. Er wartet auf unsere Stille, um sich zu offenbaren.

Die Stille wiederzufinden, ist also eine Priorität, eine Notwendigkeit, eine Dringlichkeit.

Die Stille ist wichtiger als jedes menschliche Werk. Denn sie läßt Gott zum Ausdruck kommen. Die wahre Revolution kommt aus der Stille, sie führt uns zu Gott und zu den Mitmenschen hin, um uns demütig in ihren Dienst zu stellen.

Warum ist der Begriff der Stille für Sie so wesentlich? Ist die Stille notwendig, um Gott zu finden, und worin ist sie "die größte Freiheit des Menschen" (n°25)? Ist die Stille als "Freiheit" Form der Askese?

Die Stille ist kein Begriff, sie ist der Weg, der den Menschen erlaubt, zu Gott zu gehen.

Gott ist Stille, und die göttliche Stille nimmt im Menschen Wohnung. Indem wir mit dem stillen Gott und in Ihm leben, müssen wir selber still werden. Nichts wird uns besser Gott entdecken lassen als diese Stille, die ins Herz unseres Seins eingeschrieben ist.

Ich scheue mich nicht, zu behaupten, daß Kinder Gottes zu sein heißt, Kinder der Stille zu sein.

Das Erlangen der Stille bedeutet einen Kampf und eine Askese. Ja, man braucht Mut, um sich von all dem zu befreien, was unser Leben beschwert, welches nichts so sehr liebt wie den Schein, die mühelose Erreichbarkeit und die äußere Hülle der Dinge. Der Schwätzer, der sich von dem Bedürfnis, alles zu sagen, nach außen mitreißen läßt, kann nur fern von Gott sein und unfähig jeder tiefen spirituellen Tätigkeit. Im Gegensatz dazu ist der stille Mensch ein freier Mensch. Die Ketten der Welt haben keine Macht über ihn.

Ich denke an meinen Vorgänger als Bischof von Conakry in Guinea, Msgr. Raymond-Marie Tchidimbo. Er war als Verfolgter der kommunistischen Diktatur fast neun Jahre lang im Gefängnis. Niemandem durfte er begegnen und mit niemandem sprechen. Das Schweigen, das ihm von seinen Peinigern auferlegt war, ist ihm zum Ort der Gottesbegegnung geworden. Auf geheimnisvolle Weise ist ihm sein Kerker zu einem wahren "Noviziat" geworden, und diese Verurteilung zu Elend und Stummheit hat ihm erlaubt, ein wenig die große Stille des Himmels zu verstehen.

Ist es in einer Welt, in der die Geräusche und der Krach in allen ihren Formen niemals aufhören, noch möglich, die Bedeutung der Stille zu erkennen? Ist das eine neue Situation der "Modernität" mit ihren Medien, dem Fernsehen, dem Internet oder war der Krach immer ein Charakteristikum der "Welt"?

Gott ist still, der Teufel ist laut. Seit jeher versucht Satan, seine Lügen unter der Maske einer trügerischen und lauten Geschäftigkeit zu verbergen. Dem Christen ist es aufgetragen, nicht von der Welt zu sein. Es gehört zu seinem Leben, sich von den Geräuschen der Welt abzuwenden, vom Lärm, der zügellos dahineilt, um uns vom Wesentlichen abzulenken: von Gott.

Unsere ultratechnisierte und übergeschäftige Welt hat uns nur noch kränker gemacht. Der Lärm ist wie eine Droge, von der unsere Zeitgenossen abhängig sind. Mit seinem Anschein von Feierstimmung ist der Lärm ein Wirbel, der es vermeidet, sich ins Gesicht zu schauen, sich mit der inneren Leere zu konfrontieren. Er ist eine diabolische Lüge. Das Erwachen daraus kann nur eine brutale Erfahrung sein.

Ich fürchte mich nicht, alle Menschen guten Willens aufzurufen, in eine Art Widerstand einzutreten. Was würde aus unserer Welt, wenn sie keine Oasen der Stille finden könnte?

Im Schwall geschäftiger und hohler Worte scheint die Stille ein Zeichen von Schwäche zu sein. In der modernen Welt wird der stille Mensch als einer angesehen, der sich nicht zu verteidigen weiß. Er ist ein "Untermensch" gegenüber dem sogenannten Starken, der den anderen mit seinem Wortschwall erdrückt und ertränkt.  Der stille Mensch wird als überflüssig empfunden. Das ist der tiefe Grund für die schrecklichen Verbrechen oder für die Verachtung und den Haß der Moderne gegen die stillen Wesen, die die ungeborenen Kinder sind, die Kranken oder die Sterbenden. Diese Menschen sind wunderbare Propheten der Stille. Zusammen mit ihnen scheue ich mich nicht, zu bekräftigen, daß die Priester der Moderne, die der Stille eine Art Krieg erklärt haben, die Schlacht verloren haben. Denn wir können stillbleiben inmitten des größten Durcheinanders, der schändlichsten Unruhe, inmitten des Krachs und des Schreiens  dieser höllischen Maschinen, die zum Aktivismus einladen und uns jeder transzendenten Dimension und jeder Innerlichkeit entreißen.

Bleibt Gott auch dann noch still, wenn der innerliche Mensch die Stille sucht, um Ihn zu finden? Und wie können wir verstehen, was einige das "Schweigen Gottes" nennen angesichts von Dramen extremer Bosheit, wie der Shoa, der Gulags…? Oder, allgemeiner gesagt, läßt die Existenz des Bösen die "Allmacht Gottes" in Zweifel ziehen?

Ihre Frage läßt uns eintreten in ein sehr tiefes Geheimnis. In der Großen Kartause haben wir dieses Geheimnis sehr lange meditiert mit dem Generalprior, Dom Dysmas de Lassus.

Gott will das Böse nicht. Dennoch bleibt Er erstaunlich still gegenüber unseren Prüfungen.  Trotz allem läßt das Leiden die Allmacht Gottes nicht in Zweifel ziehen, sondern es offenbart sie uns. Ich höre noch die Stimme des Kindes, das weinend fragte: "Warum hat Gott nicht verhindert, das Papa getötet wurde?" In seinem geheimnisvollen Schweigen offenbart sich Gott in der Träne, die von diesem Kind vergossen wird, und nicht in der Weltordnung, die diese Träne rechtfertigen würde.  Gott hat seine geheimnisvolle Weise, uns in unseren Prüfungen nahe zu sein. Er ist intensiv gegenwärtig in unseren Erprobungen und Leiden. Seine Kraft macht sich still, denn sie offenbart seine unendliche Feinfühligkeit, seine liebevolle Zärtlichkeit für die, die leiden. Die äußerlichen Bezeugungen sind nicht unbedingt die besten Beweise der Nähe. Die Stille offenbart das Mitleiden, die Anteilnahme Gottes an unseren Leiden. Gott will das Böse nicht. Und je grausamer das Leiden ist, desto mehr zeigt sich, daß Gott in uns das erste Opfer ist.

Der Sieg Christi über den Tod und die Sünde vollzieht sich im großen Schweigen des Kreuzes. Gott offenbart seine ganze Macht im Schweigen, das keine barbarische Untat jemals besudeln kann.

Als ich mich in den Ländern aufhielt, die gewaltige und tiefe Krisen, Leiden und tragisches Elend durchlebten wie Syrien, Libyen, Haiti oder die Philippinen nach den Verwüstungen durch den Taifun, habe ich festgestellt, wie sehr das stille Gebet der letzte Schatz derer ist, die alles verloren haben. Das Schweigen ist der letzte Graben, wohin niemand vordringen kann, die letzte Kammer, wo man in Frieden bleiben kann, der Ort, wo das Leiden für einen Augenblick die Waffen streckt. Verstecken wir uns also im Leiden hinter der Festung des Gebetes! Dann hat die Macht der Henker keine Bedeutung mehr; die Verbrecher können rasend alles zerstören, es ist unmöglich, in das Schweigen einzubrechen, in das Herz, in das Gewissen eines Menschen, der betet und sich in Gott verbirgt. Das Schlagen eines stillen Herzens, die Hoffnung, der Glaube und das Gottvertrauen können darin nicht untergehen. Im Äußeren kann die Welt ein Trümmerfeld werden, aber im Inneren unserer Seele, in der größten Stille wacht Gott. Der Krieg und das Gefolge des Schreckens überwinden niemals den in uns gegenwärtigen Gott. Angesichts des Bösen und des Schweigens Gottes muß man immer im Gebet bleiben und still schreiend mit Glaube und Liebe sprechen:

"Ich habe dich gesucht, Jesus!

Ich habe dich vor Freude weinen hören

bei der Geburt eines Kindes.

Ich habe dich die Freiheit suchen gesehen

durch die Gitter eines Gefängnisses.

Ich bin an dir vorübergegangen,

als du um ein Stück Brot betteltest.

Ich habe dich vor Schmerz schreien gehört,

als deine Kinder von Bomben zerschmettert wurden.

Ich habe dich in den Krankenhauszimmern entdeckt,

wo du Therapien ohne Liebe unterworfen wurdest.

Jetzt habe ich dich gefunden;

ich will dich nicht mehr verlieren.

Ich bitte dich, lehre mich dich lieben."

Mit Jesus ertragen wir unsere Leiden und Prüfungen besser.

Welche Rolle schreiben Sie der Stille in unserer lateinischen Liturgie zu, wo sehen Sie sie und wie vereinbaren Sie Stille und Teilnahme?

Vor der Majestät Gottes verlieren wir unsere Worte. Wer wagte es, vor dem Allmächtigen das Wort zu ergreifen? Der hl. Johannes Paul II. sah in der Stille das Wesen jeglicher Gebetshaltung, denn die mit der angebeteten Gegenwart gefüllte Stille offenbart "die demütige Annahme der Grenzen des Geschöpfes vor der unendlichen Transzendenz eines Gottes, der nicht aufhört, sich als Gott der Liebe zu offenbaren". Die mit vertrauensvoller Ehrfurcht und Anbetung angefüllte Stille abzulehnen bedeutet, die Freiheit Gottes abzulehnen, uns durch seine Liebe und seine Gegenwart zu ergreifen.  Das heilige Schweigen ist also der Ort, wo wir Gott begegnen können, denn wir kommen zu Ihm mit der rechten Haltung des Menschen, der sich zitternd zurückhält und doch vertrauensvoll hofft. Wir Priester müssen diese kindliche Ehrfurcht vor Gott und die Heiligkeit unserer Beziehung zu ihm neu erlernen. Wir müssen neu lernen, vor Staunen angesichts der Heiligkeit Gottes und der unerhörten Gnade unseres Priestertums zu zittern.

Das Schweigen lehrt uns eine bedeutsame Regel des geistlichen Lebens: die Vertraulichkeit fördert nicht die Intimität, im Gegenteil: die rechte Distanz ist eine Bedingung der Kommunion. Durch die Anbetung geht die Menschheit auf die Liebe zu. Die heilige Stille öffnet auf die mystische Stille hin, die voll liebender Intimität ist. Unter dem Joch der weltlichen Vernunft haben wir vergessen, daß das Heilige und der Kult die einzigen Eingangstüren zum geistlichen Leben sind. Ich zögere also nicht zu beteuern, daß die heilige Stille ein Grundgesetz jeder liturgischen Zelebration ist.

Sie erlaubt es uns nämlich, in die Teilnahme am gefeierten Mysterium einzutreten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat betont, daß die Stille ein bevorzugtes Mittel ist, die Teilnahme des Volkes Gottes an der Liturgie zu fördern.

Die Konzilsväter wollten zeigen, was eine wahre liturgische Teilnahme ist: das Eintreten in das göttliche Mysterium. Unter dem Vorwand, den Zugang zu Gott zu erleichtern, haben einige gewollt, daß alles in der Liturgie unmittelbar einsichtig, rational, horizontal und menschlich sei. Aber auf diese Weise riskieren wir, das heilige Mysterium auf gute Gefühle zu reduzieren. Unter dem Vorwand der Pädagogik erlauben sich einige Priester nicht enden wollende oberflächliche und horizontale Kommentare. Haben diese Hirten Angst, daß die Stille vor dem allerhöchsten die Gläubigen verwirren könnte? Glauben sie, daß der Heilige Geist unfähig ist, die Herzen für die göttlichen Mysterien zu öffnen und ihnen sein Licht und seine geistliche Gnade auszuspenden?

Der hl. Johannes Paul II. warnt uns: Der Mensch tritt in die Teilhabe an der göttlichen Gegenwart vor allem ein, "indem er sich zu einer anbetenden Stille erziehen läßt, denn auf dem Gipfel der Erkenntnis und Erfahrung Gottes steht seine absolute Transzendenz".

Die heilige Stille ist ein Gut der Gläubigen, und die Kleriker dürfen sie dessen nicht berauben!

Die Stille ist der Stoff, aus dem unsere Liturgien gemacht sein müssen. Und nichts in ihnen darf die Atmosphäre der Stille stören, die ihr natürliches Klima ist.

Besteht nicht ein gewisses Paradox darin, einerseits die Notwendigkeit der Stille in der Liturgie zu behaupten und andererseits die östlichen Liturgien anzuerkennen, die ja keine Momente des Schweigens haben (n° 259) und doch besonders schön, sakral und dem Gebet hingegeben sind?

Ihre Anmerkung ist vernünftig und zeigt, daß es nicht ausreicht, "Momente der Stille" vorzuschreiben, damit die Liturgie vom heiligen Schweigen durchtränkt sei.

Das Schweigen ist eine Haltung der Seele. Es ist keine Pause zwischen zwei Riten, es ist selbst ganz und gar Ritus.

Sicher, die östlichen Riten sehen keine Zeiten der Stille während der Göttlichen Liturgie vor. Nichtsdestoweniger haben sie eine intensive Erfahrung der apophatischen Dimension des Gebets angesichts des "unaussprechlichen, unfaßlichen, unbegreiflichen" Gottes. Die Göttliche Liturgie ist wie ins Mysterium eingetaucht. Bei uns, den Lateinern, ist das Schweigen eine klingende Ikonostase. Die Stille ist Mystagogie, sie läßt uns ins Mysterium eintreten, ohne es zu entweihen. Die Sprache der Mysterien in der Liturgie ist eine stille Sprache. Die Stille verbirgt nicht, sie offenbart in der Tiefe.

Der hl. Johannes Paul II. lehrt uns, daß "das Mysterium sich ständig verhüllt, sich mit Schweigen bedeckt, um zu vermeiden, daß man an Gottes Stelle ein Idol aufstellt". Ich möchte feststellen, daß die Gefahr für die Christen heute groß ist, Götzenanbeter zu werden. Als Gefangene des Geräusches nicht endender menschlicher Gespräche sind wir nicht weit davon, einen Kult auf unserem Niveau zu entwickeln, einen Gott nach unserem Bild zu bauen. Wie es Kardinal Godfried Danneels anmerkte, hat die "westliche Liturgie, so wie sie praktiziert wird, den Hauptfehler, zu geschwätzig zu sein". In Afrika sagt der ruandische Priester Faustin Nyobayré, daß die "Oberflächlichkeit nicht die Liturgie oder die scheinbar religiösen Versammlungen verschont, aus denen man eher atemlos und schwitzend wieder hinausgeht als erholt und erfüllt von dem, was man gefeiert hat, um es besser leben und bezeugen zu können". Die Zelebrationen werden manchmal laut und anstrengend. Die Liturgie ist krank. Das auffallendste Symptom dieser Krankheit ist die Allgegenwart des Mikrophons. Es ist so unverzichtbar geworden, daß man sich fragt, wie man vor seiner Erfindung überhaupt Liturgie feiern konnte!

Der äußere Lärm und der Lärm im eigenen Innern entfremden uns unserer selbst. Im Lärm kann der Mensch nur der Banalität verfallen: wir sind oberflächlich in dem, was wir sagen, wir geben hohle Reden von uns, wo endlos gesprochen wird, solange man nur irgendwas zu sagen findet, eine Art unverantwortliches Gewirr aus Scherzen und Worten, die töten. Wir sind oberflächlich auch in dem, was wir tun: wir leben in der Banalität, erheben dabei den Anspruch, vernünftig und moralisch zu sein, und finden nichts Außergewöhnliches darin.

Oft verlassen wir die Kirchen nach laut und oberflächlich zelebrierten Liturgien, ohne Gott begegnet zu sein und den inneren Frieden gefunden zu haben, den Er uns schenken will.

Nach ihrem Vortrag in London im vergangenen Juli sind sie auf die Ausrichtung der Liturgie nach Osten zurückgekommen und wollen sie in unseren Kirchen praktiziert sehen: Warum ist sie so wichtig? Und wie möchten Sie, daß diese Änderung sich vollzieht?

Die Stille stellt uns vor eine Wesensfrage der Liturgie. Die Liturgie ist mystisch. Im Maße, in dem wir uns ihr mit einem lauten Herzen nähern, bekommt sie oberflächlichen und menschlichen Charakter. Die liturgische Stille ist eine radikale und wesentliche Disposition; sie bedeutet eine Umkehr des Herzens. Nun heißt Umkehr etymologisch sich umwenden, sich zu Gott hin wenden. Es ist gibt keine echte Stille in der Liturgie, wenn wir nicht mit unserem ganzen Herzen zum Herrn hin ausgerichtet sind. Wir müssen umkehren, uns zum Herrn hin kehren, um Ihn anzuschauen, sein Antlitz zu betrachten und vor seinen Füßen anbetend niederzufallen. Wir haben ein Beispiel: Maria Magdalena hat Jesus am Ostermorgen erkennen können, weil sie sich zu Ihm umgewandt hatte: "Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat." "Haec cum dixisset, conversa est retrorsum et videt Jesus stantem – Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen." (Joh 20, 13-14)

Wie können wir in diese Haltung eintreten, wenn wir uns nicht physisch, alle gemeinsam, Priester und Gläubige, zum kommenden Herrn hinwenden, zum  durch die Apsis symbolisierten Osten hin, wo das Kreuz thront?

Diese äußere Orientierung führt uns zur inneren hin, welche durch sie symbolisiert wird. Seit den apostolischen Zeiten kennen die Christen diese Art zu beten. Es geht nicht darum, dem Volk den Rücken zuzuwenden, sondern darum, nach Osten zu schauen, zum Herrn hin.

Diese Weise des Gebets fördert die Stille. Der Zelebrant ist weniger versucht, das Wort zu monopolisieren. Vor dem Herrn spürt er weniger die Versuchung,  ein Professor zu werden, der die ganze Messe lang eine Vorlesung gibt und den Altar zu einer Bühne macht, deren Mittelpunkt nicht mehr das Kreuz ist, sondern das Mikrophon! Der Priester muß sich darauf besinnen, daß er nichts weiter ist als ein Werkzeug in den Händen Christi, der er schweigen muß, um dem WORT Platz zu machen, daß die menschlichen Worte lächerlich wirken vor dem einen Ewigen Wort.

Ich bin davon überzeugt, daß die Priester mit einer anderen Stimme sprechen werden, wenn sie nach Osten hin zelebrieren. Wir sind in großem Maße weniger versucht, uns, wie Papst Franziskus sagt, selbst als Hauptakteure zu bergreifen.

Wichtig ist zu verstehen, daß diese legitime und wünschenswerte Zelebrationsweise nicht als eine Revolution auferlegt werden darf. Ich weiß, daß vielerorts eine vorbereitende Katechese den Gläubigen erlaubt hat, sich die Ausrichtung nach Osten hin anzueignen und sie schätzen zu lernen. Ich wünsche mir sehr, daß diese Frage nicht zu einem ideologischen Kampf zwischen Parteien wird. Es geht um unsere Beziehung zu Gott.

Wie ich vor kurzem in einer persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater Gelegenheit hatte zu sagen, gebe ich hier nichts anderes als Anregungen, die aus meinem von der Sorge um das Wohl der Gläubigen erfüllten Herzen stammen. Es geht mir nicht darum, eine Praxis der anderen entgegenzustellen. Wenn es von den materiellen Gegebenheiten her unmöglich ist, nach Osten hin zu zelebrieren, muß notwendigerweise ein gut sichtbares Kreuz auf den Altar gestellt werden als Referenzpunkt für alle. Christus am Kreuz ist der christliche Osten.

Sie verteidigen glühend die Konzilskonstitution über die Liturgie und bedauern dabei, daß sie schlecht umgesetzt wurde. Wie erklären Sie das aus dem Abstand von 50 Jahren? Sind nicht die kirchlichen Autoritäten die ersten Verantwortlichen dafür?

Ich glaube, daß wir die Konzilsdokumente zu wenig im Geist des Glaubens lesen. In Bann geschlagen von dem, was Benedikt XVI. das Konzil der Medien nennt, unterwerfen wir sie einer zu menschlichen Lektüre, indem wir Brüche und Gegensätze suchen, wo das katholische Herz sich bemühen müßte, die Erneuerung in der Kontinuität zu finden. Mehr als je muß uns die in Sacrosanctum Concilium enthaltene Lehre des Konzils leiten. Es wäre an der Zeit, uns vom Konzil belehren zu lassen, anstatt es zu benutzen, um unsere Bemühungen um Kreativität zu rechtfertigen oder unsere Ideologien zu verteidigen, indem wir die heilige Liturgie als Waffe benutzen.

Ein einziges Beispiel: Das Zweite Vatikanum hat auf wunderbare Weise das Taufpriestertum der Laien als unsere Fähigkeit definiert, uns mit Christus dem Vater als Opfer darzubringen, um in Jesus "heilige, reine und unbefleckte Opfer" zu werden. Wir haben hier das theologische Fundament der wahren Teilnahme an der Liturgie.

Diese spirituelle Wirklichkeit müßte besonders beim Offertorium gelebt werden, in diesem Moment, wo das christliche Volk sich zum Opfer bringt, nicht neben Christus, sondern in Ihm, durch sein Opfer, das bei der Wandlung verwirklicht wird. Die erneute Lektüre des Konzils könnte uns erlauben zu vermeiden, daß unsere Offertorien durch Darbietungen entstellt werden, die mehr von Folklore als von Liturgie an sich haben. Eine gesunde Hermeneutik der Kontinuität könnte uns dahin führen, die alten, im Licht des Zweiten Vatikanums neu gelesenen Offertoriumsgebete wieder in ihre Ehre einzusetzen.

Sie weisen hin auf die von Ihnen gewünschte "Reform der Reform" (n°257): Worin sollte sie vor allem bestehen? Betrifft sie beide Formen des Römischen Ritus oder nur die ordentliche Form?

Die Liturgie bedarf um der größeren Treue zu ihrer mystischen Natur willen immer einer Reform.  Das, was "Reform der Reform" genannt wird und was wir als "gegenseitige Bereicherung der Riten" bezeichnen könnten, um einen Ausdruck aus dem Lehre Benedikts XVI. zu verwenden, ist eine geistliche Notwendigkeit. Sie betrifft beide Formen des Römischen Ritus.

Ich lehne es ab, unsere Zeit dazu zu verwenden, die eine Liturgie gegen die andere zu stellen oder den Ritus des heiligen Paul V. gegen den des seligen Paul VI. Es geht darum, in die große Stille der Liturgie einzutreten; man muß sich von allen liturgischen Formen bereichern lassen, lateinischen oder östlichen. Warum sollte sich die außerordentliche Form nicht dem öffnen, was die aus dem Zweiten Vatikanum hervorgegangene liturgische Reform an Besserem hervorgebracht hat? Warum sollte die ordentliche Form nicht die alten Offertoriumsgebete wiederfinden, das Stufengebet oder ein wenig Stille während mancher Teile des Kanons?

Ohne einen kontemplativen Geist bleibt die Liturgie eine Gelegenheit zu haßerfüllten Entzweiungen und ideologischen Kämpfen, öffentlichen Demütigungen der Schwachen durch jene, die beanspruchen, die Autorität zu besitzen, während die Liturgie doch der Ort unserer Einheit und unserer Gemeinschaft im Herrn sein müßte. Warum gegeneinander kämpfen und sich verachten? Im Gegenteil, die Liturgie sollte uns alle zusammenkommen lassen in der Einheit des Glaubens und der wahren Kenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Menschen, zur Fülle der Gestalt Christi… So in der Wahrheit der Liebe lebend werden wir in allem in Christus heranwachsen zu Ihm hin, der das Haupt ist (vgl. Eph 4, 13-15).

 

Wie können wir im aktuellen liturgischen Kontext der lateinischen Welt das Mißtrauen überwinden, das einige Anhänger der beiden liturgischen Formen desselben Römischen Ritus hegen, die es ablehnen, die andere Form zu zelebrieren und sie manchmal mit einer gewissen Verachtung betrachten?

Die Liturgie verderben heißt unsere Beziehung zu Gott und den Ausdruck unseres christlichen Glaubens zu verderben. Kardinal Charles Journet versicherte: "Die Liturgie und die Katechese sind die beiden Greifer der Zange, durch welche der Dämon dem christlichen Volk den Glauben entreißen und sich der Kirche bemächtigen will, um sie zu zermalmen, zu vernichten und endgültig zu zerstören. Heute noch liegt der große Drache vor der Frau, der Kirche, auf der Lauer, bereit, ihr Kind zu verschlingen." Ja, der Teufel will uns gegeneinander stellen im Herzen des Sakraments der Einheit selbst und der brüderlichen Gemeinschaft. Es ist Zeit, daß die Verachtung, das Mißtrauen und die Verdächtigungen ein Ende nehmen. Es ist Zeit, ein katholisches Herz wiederzufinden. Es ist Zeit, gemeinsam die Schönheit der Liturgie wiederzufinden, wie es uns der Hl. Vater Franziskus empfiehlt, denn, "die Schönheit der Liturgie spiegelt" – wie er sagt – "die Herrlichkeit unseres Gottes wieder, die in seinem lebendigen und getrösteten Volk aufscheint" (Predigt zur Chrisammesse am 28. März 2013).

Wie haben Sie ihren Aufenthalt in der Großen Kartause erlebt?

Ich danke Gott, daß er mir diese außerordentliche Gnade erwiesen hat. Und wie könnte ich die Dankbarkeit meines Herzens gegenüber Dom Dysmas de Lassus verschweigen für seine so warme Gastfreundschaft. Ich möchte ihn auch demütig um Verzeihung bitten für alle Störung, die ich durch meinen Aufenthalt bei ihm verursacht haben mag. Die Große Kartause ist das Haus Gottes. Sie zieht uns zu Gott empor und bringt uns vor sein Angesicht. Alles ist aufgeopfert, um Gott zu begegnen: die Schönheit der Natur, die strenge Einfachheit des Ortes, das Schweigen, die Einsamkeit und die Liturgie. Obwohl ich die Gewohnheit habe, nachts zu beten, hat mich das nächtliche Offizium in der Großen Kartause tief beeindruckt: die Dunkelheit war rein, die Stille war Trägerin einer Gegenwart, der Gegenwart Gottes. Die Nacht verbarg uns alles, sie isolierte den einen gegenüber den anderen, aber sie vereinte unsere Stimmen und unseren Lobpreis, sie richtete unsere Herzen aus, unsere Blicke und unsere Gedanken, um nichts anderes zu sehen als Gott. Die Nacht ist mütterlich, köstlich und reinigend. Die Dunkelheit ist wie eine Quelle, aus der wir gewaschen aufsteigen, befriedet und tiefer mit Christus und den anderen vereint. Einen guten Teil der Nacht im Gebet zu verbringen, regeneriert uns. Es läßt uns neu geboren werden. Hier wird Gott wirklich unser Leben, unsere Kraft, unser Glück, unser Alles. Ich spüre eine große Bewunderung für den heiligen Bruno, der wie Elija so viele Seelen auf diesen Berg Gottes geführt hat, um sie hören und sehen zu lassen "die Stimme eines leisen Säuselns" und sich von dieser Stimme ansprechen zu lassen, die uns sagt: "Was tust Du da, Elija?" (1 Kön 19, 11-13)

Die Fragen stellte Christophe Geffroy.

Deutsche Übersetzung veröffentlicht bei CNA mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und La Nef.

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